SOS Randagi

 

Laut öffentlicher Verlautbarungen in der Presse und in sozialen Medien hat Italien eines der besten Tierschutzgesetze in der EU. Herrenlose Hunde und Katzen dürfen nicht getötet werden, nur weil sie Streuner sind. Nach einer Gesetzesänderung im Frühsommer 2025 sind für nachweisliche Tierquälerei bis zu vier Jahre Gefängnis und bis zu 60.000 Euro Geldstrafe vorgesehen. Wer sein Haustier aussetzt, riskiert eine empfindliche Geldbuße oder kann seinen Führerschein verlieren.

Leider sind die besten Gesetze nutzlos, wenn sie nicht eingehalten werden. Besonders hart trifft es daher noch immer die „Randagi“, die Streuner. Herrenlose Hunde und Katzen gehören in Italien offiziell den Gemeinden, in denen sie sich aufhalten. Das Einfangen solcher Tiere – auch wenn sie verletzt sind – obliegt ausschließlich offiziellen Vertretern der Gemeinden und auch Kastrationsaktionen müssen zuerst von diesen genehmigt werden. Überflüssig zu erwähnen, dass die Mühlen der Verwaltung auch in Italien seeehr langsam mahlen…

Mittlerweile ist eine rechtliche Grauzone gewachsen, die den angewandten Tierschutz erschwert. Die Gemeinden – offizielle Besitzer der Streuner – müssen die Tiere irgendwo unterbringen. Das führt dazu, dass besonders im wirtschaftlich schwachen Süditalien ein neuer Geschäftszweig entstanden ist: Windige Unternehmerinnen und Unternehmer ziehen – meist in sehr entlegenen Gegenden – große Aufbewahrungskomplexe für Hunde hoch. Dann bieten sie den Gemeinden im Umkreis an, alle Streuner für einen bestimmten Preis pro Hund und Tag dort aufzunehmen. Eine Vermittlung dieser Tiere ist natürlich nicht vorgesehen, denn je mehr Hunde im Canile sind, desto höher sind die Einnahmen für die Betreiber.

Die Versorgung der Tiere in diesen Einrichtungen ist meist eindeutig tierschutzrelevant: Futter ist Mangelware, Hygiene kennt man nicht, Verletzungen und Krankheiten werden nicht behandelt, schwache, kleine, zu junge oder zu alte Hunde werden oft von Artgenossen, die unter den gegebenen Haltungsbedingungen durchdrehen, totgebissen. Der Stress, dem die Hunde in einem schlecht geführten Horror-Canile ausgesetzt sind, ist unvorstellbar. Der Tod, der für die Hunde die einzige Möglichkeit ist, der unfassbaren Qual zu entkommen, ist die letzte Gnade, die die armen Streuner noch zu erwarten haben. Sind Anzeigen wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz möglich? Meistens nicht, denn die Caniles sind vor neugierigen Besuchern bestens geschützt, die Betreiber haben oft „gute Bekannte“ in den Gemeindeverwaltungen. Hier ein paar Bilder aus einem Horror-Canile, die bewusst nicht ganz schockierend für die Betrachtenden sind und die italienische Tierschützer heimlich machen konnten:

Luigina Campanaro von unserem Kooperationspartner Progetto Randagi OdV hat zum Glück sowohl eine Genehmigung, eine bestimmte Anzahl Streunerhunde auf einem vom Verein angepachteten Haus mit Garten unterzubringen, als auch – in Zusammenarbeit mit der OIPA Mailand – die Berechtigung, Streuner zu fangen und kastrieren zu lassen. Allerdings sind die Hunde eines lokalen Tierheims, das Luigina ehrenamtlich mit betreut, immer wieder von der Abschiebung in ein Horror-Canile bedroht. Bereits im Jahr 2024 halfen wir vom Netzwerk Mensch-Tier e.V. mit, 30 Hunde, die als unvermittelbar galten, vor ihrem sicheren Tod im Horror-Canile zu bewahren. Die zuständigen Gemeinden wollten durch Überführung der vierbeinigen „Ladenhüter“ vom regulären Tierheim ins Canile Geld sparen, denn in letzterem sind die Betreuungskosten pro Hund und Tag ein paar Cent billiger. 30 Leben konnten wir retten. Doch jede Woche werden neue Hunde auf der Straße aufgefunden oder von lieblosen Haltern im Canile abgegeben.

Auch das Tierheim, das Luigina mitbetreut, ist kein gemütliches Refugium, in dem sich die darin untergebrachten Vierbeiner wohl fühlen. Das Elend der Tiere, die in den Betonzwingern dahinvegetieren, ist kaum vorstellbar, viele Hunde sind seit Welpentagen dort eingesperrt, fast jeder zeigt mehr oder weniger stark ausgeprägte Deprivationsschäden. Die süditalienischen Hunde haben für ein schönes Leben viel zu wenig, aber zum Sterben gerade mal ein Quäntchen zu viel. Daher sucht Progetto Randagi OdV Familien, die eines dieser Tiere bei sich aufnehmen wollen, damit die brave Hundeseele statt dem Dahinvegetieren in einer kalten, kargen Zelle ein Leben voller Liebe, Freude und schönen, gemeinsamen Momenten geschenkt bekommt. Unter den „Adoptions-Kindern“ sind Junge und Alte, Große und Kleine, Laute und Leise, Ängstliche und Mutige. Und eines ist wirklich bemerkenswert: Die meisten Hunde haben sich trotz allem, was sie durchgemacht haben, dem Menschen gegenüber ein freundlich zugewandtes Wesen bewahrt.

Oft wird der Auslandstierschutz kritisiert, weil Hunde in fremden Ländern von der Straße geholt werden, die dort selbstbestimmt und sicher in rudelähnlichen Strukturen gelebt haben. Diese Hunde, die das Zusammenleben mit dem Menschen nicht lernen konnten und sich in ihrem Revier mit ihren dortigen Artgenossen wohlgefühlt haben, werden sich so gut wie nie in eine Rolle als braver Familienhund fügen. Uns von Netzwerk Mensch-Tier ist es wichtig, dass diese Vierbeiner in ihrem Ursprungsland und ihrem angestammten Territorium bleiben und vor Ort kastriert und markiert werden. Nur durch solch nachhaltigen Tierschutz kann man das Problem der Straßenhunde langsam aus den Gemeinden entfernen.

Doch auch in Privathaushalten muss kastriert werden, denn von dort stammt in Süditalien in der Regel die nie enden wollende Flut freundlicher, manchmal schüchterner Hunde, die in den Tierheimen abgegeben oder irgendwo auf den Feldern ausgesetzt werden. Diesen Tieren gemein ist, dass sie in ihrer sensiblen Phase neutrale bis gute Erfahrungen mit Menschen gemacht haben und sehr wohl zu netten Familienhunden werden können.

Es wäre ein Traum, wenn all die von Progetto Randagi OdV betreuten Vierbeiner in ein lebenswertes Hundedasein entlassen werden könnten. Wir von Netzwerk Mensch-Tier e.V. wollen unseren Teil dazu beitragen – im Individual-Tierschutz durch Vermittlungshilfe und im nachhaltigen Tierschutz durch Kastrationsaktionen vor Ort.

Bitte versäumen Sie nicht, sich im Vorfeld von uns zur Adoption eines Hundes aus dem Canile beraten zu lassen. Sie erreichen uns auf diesem Wege.

 

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